Ian McEwan: Abbitte

Erstaunlich, wie ein kleiner Moment, eine kleine Entscheidung, ein einziger Tag, ja sogar eine Minute, das Leben so vieler Menschen so gravierend verändern kann. Cecilia und Robbie erkennen nach anfänglichem Zögern und Zweifeln, dass sie Gefühle zueinander haben und ihre langjährige Freundschaft sich zu Verliebtheit und Begehren entwickelt hat. Gerade als sie den Schritt wagen, sich dem Anderen hinzugeben, wird ihr erster leidenschaftlicher Moment gleichzeitig zu ihrem Letzten – vorerst. Denn Cecilias kleine Schwester Briony, die sich gerne Tagträumen hingibt, eine blühende Phantasie hat und es liebt, Geschichten zu schreiben sowie über die Welt der Erwachsenen nachzudenken, platzt mitten in den intimen Moment und trennt ihre Schwester von Robbie. Viel schlimmer als das jedoch ist ihre Entscheidung nur einige Stunden später, als sie als Zeugin auftritt, und allen Familienmitgliedern und der Polizei zu verstehen gibt, dass sie wisse, dass Robbie ihre Cousine Lola vergewaltigt hat. Ihr Zorn auf den Liebhaber ihrer Schwester, ihr Erschrecken über ein vulgäres Wort in seinem Brief an Cecilia, vielleicht seine unerwiderte Liebe, als sie selbst mit zehn Jahren gestand, dass sie ihn liebe, das Bedürfnis, die große Schwester vor einem Draufgänger zu beschützen, und das kindliche Unverständnis dafür, was sich tatsächlich zwischen den beiden Verliebten abspielt, sorgen dafür, dass Briony Schicksal spielt. Nicht zu vergessen, dass ihre Ader für Phantastereien eine nicht mindere Rolle spielt. Robbie wird abgeführt, verurteilt und landet im Gefängnis. An seine Unschuld glaubt nur Cecilia und seine Mutter. Der Rest der Familie Tallis um Briony glaubt den Anschuldigungen der 13-Jährigen. Cousine Lola schweigt zu Allem und der Leser fragt sich bis zum Schluss, ob sie nichts weiß, ob sie im Dunkeln tatsächlich nicht gesehen hat, wer ihr Angreifer war, ob sie es nicht wahrhaben will und ob sie eine so durchtriebene Natur ist, Geschichten zu spinnen, über die sie die Macht besitzt, Briony zu lenken, wie sie allein es schaffen kann. Als Robbie aus dem Gefängnis entlassen wird, vermag der nach Romantik lechzende Leser zu hoffen, dass er und Cecilia endlich miteinander vereint werden, doch der Zweite Weltkrieg ist ausgebrochen und man befindet sich plötzlich nur noch in Robbies Perspektive auf dem Weg nach Dünkirchen, um sich nach der Niederlage über den Ärmelkanal zurück nach England retten zu können. Briony hat unterdessen erkannt, welch schweren Fehler sie begangen hat, und ist sich ihrer unverzeihlichen Tat bewusst. Entgegnen ihrer Leidenschaft für das Schriftstellern wird sie Krankenschwester und erlebt ebenfalls die grausamen Konsequenzen des Krieges – nicht auf dem Schlachtfeld, dafür im Krankenhaus. Ihre Angst, Robbie unter die Augen zu treten, wird nur noch von der Furcht übertroffen, er könne im Krieg gefallen sein und würde Cecilia endgültig nicht wiedersehen. Doch irgendwann entscheidet Briony die Dinge, in die Hand zu nehmen. Sie spaziert zu Cecilias Wohnung und findet dort nicht nur ihre Schwester.

Wer ist noch in ihrer Wohnung? Und hat sie Robbie noch einmal wiedergesehen? Lebt Robbie überhaupt noch? Und wenn ja, hat die Liebe der Beiden Bestand, noch eine Chance? Wird Cecilia Briony verzeihen können? Und wer überlebt den Krieg?

Dieser Roman beginnt so unglaublich langsam, so detailverliebt, und haut dann mit einem Satz dem Leser förmlich ins Gesicht.

J.P.

Eine Verkettung von Fehlentscheidungen und unüberlegten Handlungen führt zur Trennung zweier Liebender, deren Liebe dennoch überdauert – das Gefängnis, die räumliche Trennung, den Krieg und selbst die posttraumatischen Belastungen. Eine raffinierte Erzählweise zieht den Leser in den Bann. Eine tolle Geschichte. Eine grausame Entscheidung von Briony. Aber eine gute Entscheidung, es zu lesen.

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